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Interview: Wie beeinflußt die Schwangerschaft die Multiple Sklerose? Neue Studien belegen, daß das Fortschreiten der MS in der Schwangerschaft erheblich gebremst wird. Dennoch gibt es für MS- Patientinnen mit
Kinderwunsch zahlreiche offene Fragen:
Bestehen für das Kind Gefahren? Sind eventuell trotzdem auftretende Schübe überhaupt behandelbar? Sollte eine Schwangerschaft bei bestehender
immunmodulatorischer Therapie ausgetragen werden?
Prof. Sigrid Poser, Oberärztin der Neurologischen Klinik der Georg- August-Universität, Göttingen, nimmt Stellung.
Welchen Einfluß hat die Schwangerschaft auf den Verlauf der MS und wie erklärt man sich das? Die Schwangerschaft wirkt sich bei Patientinnen mit MS eher günstig auf den Gesamtverlauf aus, insofern als in der Schwangerschaft selbst weniger
Schübe ablaufen als zu anderen Zeiten und auch die bestehenden Symptome sich während der Schwangerschaft eher bessern. Es kommt dann allerdings nach der Entbindung häufiger als zu anderen Zeiten zu
Schüben und das legt den Schluß nahe, daß in der Schwangerschaft eine Substanz produziert wird, die immunsuppressiv wirkt. Man weiß allerdings noch nicht, welche Substanz entscheidend ist. Dieser Frage
soll jetzt in einer speziellen Studie weiter nach- gegangen werden, die Herr PD Rieckmann von der Neurologischen Universitätsklinik Würzburg koordiniert, so daß wir vielleicht in Zukunft daraus
therapeutische Konsequenzen ziehen können.
Was raten Sie MS-Patientinnen, die mit einem
Kinderwunsch an Sie herantreten? Man kann ihnen guten Gewissens sagen, daß die Schwangerschaft sich in keinem Fall
ungünstig auf den Verlauf ihrer Erkrankung auswirkt und sie in der Schwangerschaft einen günstigen Krankheitsverlauf zu erwarten haben. Deshalb ist eine Schwangerschaft grundsätzlich zu
befürworten. Man muß dabei natürlich berücksichtigen, welche Behinderungen bereits bestehen und ob ggf. ausreichend Hilfe zur Verfügung steht. Aber wenn ein dezidierter Kinderwunsch besteht,
setze ich voraus, daß diese Fragen geklärt sind.
Befürchten die Mütter, daß das Kind auch an MS erkranken könnte?
Auch danach wird immer wieder gefragt, und diese Angst kann man den Müttern nicht ganz nehmen, weil die MS u.a. eine
genetische Komponente hat. Diese ist zwar nicht so ausgeprägt wie bei einer regulären Erbkrankheit, aber die Krankheitsdisposition wird vererbt, und das muß man den Frauen sagen. Wenn ein besonderes
Risiko be- steht - z.B. weitere MS-Erkrankungen in der Familie - sollte eine humangenetische Beratung erfolgen.
Gibt es MS-Patienten, denen Sie aus medizinischen Gründen von einer Schwangerschaft abraten würden bzw. gibt es eine Indikation für einen
Schwangerschaftsabbruch? Eine MS als solche ist keine medizinische Indikation für einen Abbruch, dieser käme also nur
aus einem anderen, individuellen Grund in Frage, der in der Person der Patientin liegt Von einer Schwangerschaft abraten würde man bei fortgeschrittenen körperlichen Behinderungen, die unter der
Geburt zur Gefahr für Mutter oder Kind werden könnten. Des weiteren wäre ein Schwangerschafts- abbruch in Erwägung zu ziehen, wenn in der Frühschwangerschaft hochdosiert mit verschiedenen Medikamenten
behandelt wurde, die eine Fruchtschädigung zur Folge haben können.
Welche medikamentösen
Möglichkeiten gibt es, in der Schwangerschaft einen Schub zu therapieren? Das ist im wesentlichen vom Stadium der
Schwangerschaft abhängig. So würde man in der Frühschwangerschaft kein Kortison geben, während das in den späteren Stadien nicht mehr so kritisch ist. Primär würde man immer versuchen, ohne Therapie
auszukommen und den Schub durch ein vernünftiges Management zu bewältigen.
Wenn eine Patientin
bereits seit längerem erfolgreich mft Betaferon® behandelt wird und eine Schwangerschaft eintritt, wie ist dann zu verfahren? Daß eine Schwangerschaft unter Interferon-beta eintritt, ist höchst unwahrscheinlich. Die Patientinnen werden vor Behandlungsbeginn eingehend darüber
aufgeklärt, daß während der Behandlung eine sichere Verhütung gewährleistet sein muß. Falls dennoch eine Schwangerschaft eintritt, kann es sein, daß sie nicht ausgetragen werden kann, weil es sehr
früh zu einem Abort kommt, der durch Interferon beta-lb ausgelöst sein kann. Besteht die Schwangerschaft dennoch fort, sollte die Behandlung mit Interferon beta-lb wie auch mit allen anderen neueren
MS-Therapeutikasofort abgesetzt werden, da bisher eine Fruchtschädigung nicht ausgeschlossen werden konnte. Allerdings liegen mittlerweile erste Zahlen von Frauen vor, die aus verschiedenen Gründen
über mehrere Schwangerschaftswochen Interferon-beta-lb eingenommen und ihre Schwangerschaften ausgetragen haben. Bei den Kindern dieser Patientinnen liegt die Mißbildungsrate nicht höher als bei gesunden
Patientinnen.[Ende des Zitats]
Veröffentlichung aus DMSG AKTIV 3/98 S.18-19: Textquelle: Prof. Dr. Sigrid Poser,
Neurologische Klinik der Georg-August-Universität, Göttingen: Schwangerschaft bei neurologischen Erkrankungen in Akt. Neurologie 25 (1998) 133 - 138, ® Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York.
Quellenangabe: Poser, Sigrid (Neurologische Klinik der Georg-August-Universität, Göttingen): Interview: Welchen Einfluss hat die
Schwangerschaft auf die Multiple Sklerose? In: AKTIV (Fachzeitschrift der DMSG) 03/1998, Nr. 180, S. 18 - 19. 25 (1998) 133-138 ©Georg Thieme Verlag Stutt-gart, New York Copyright© 1998
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