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Multiple Sklerose und Schwangerschaft
Kann ich Kinder bekommen?
Sie sind gerade in dem Alter, in dem man über die Familiengründung nachdenkt - und eines Tages werden Sie mit der Diagnose "Multiple
Sklerose" konfrontiert. Bedeutet das, daß Sie Ihren Kinderwunsch vergessen können?
Die Antwort ist ein klares "Nein". Viele Fachleute sind sich darüber einig, daß die bloße Tatsache
"Multiple Sklerose" noch kein Grund dafür ist, auf Kinder zu verzichten. Sie meinen, es sei unwahrscheinlich, daß eine milde Verlaufsform der MS die Geburt komplizieren könnte. Ebenso
bestreiten sie einen Langzeiteffekt der Schwangerschaft oder des Geburtsvorganges auf den Verlauf der mütterlichen Multiplen Sklerose.
Tatsächlich weisen neuere Untersuchungen darauf hin, daß der
Schwangerschaft sogar eine vorübergehende Schutzfunktion gegen Multiple Sklerose zugesprochen werden kann.
Dr. David S. Thompson verfolgte mit seinen Kollegen an der Universität von Colorado die
Krankengeschichten von 178 MS-betroffenen Frauen und konnte über mehrere Jahre keine Anhaltspunkte für eine schwangerschaftsbedingte Verschlechterung finden.
Dr. Jack S. Burks, Geschäftsführer des
Rocky Mountain Zentrums für neurologische Krankheiten, hatte zusammen mit Dr. Gary M. Franklin und Lorene M. Nelson Anteil an der Thompson-Studie. Er berichtet, daß das Colorado-Team die Existenz eines
Schutzfaktors annimmt, der die MS-Symptome während der Schwangerschaft reduziert.
Dr. Burks weist darauf hin, daß dieses Untersuchungsergebnis mit Erkenntnissen übereinstimmt, die an Tieren mit
experimenteller allergischer Encephalomyelitis (EAE), einer der Multiplen Sklerose ähnlichen Krankheit, gewonnen worden sind: "wenn Ratten trächtig sind, ist es schwierig oder unmöglich, eine EAE
bei ihnen auszulösen".
Außerdem scheint dieser deutliche MS-Schutzfaktor für Frauen, die die ersten Krankheitssymptome während der Schwangerschaft hatten, eine weitergehende Bedeutung zu
haben. Im allgemeinen waren diese Frauen Jahre später weniger behindert als solche, deren Multiple Sklerose vor oder nach der Schwangerschaft begonnen hatte.
Wissenschaftler nehmen an, daß es sich
bei diesem, vermutlich schwangerschaftsbezogenen Schutzfaktor um eine hormonelle Komponente handelt, die das Immunsystem reguliert. Man hält Multiple Sklerose für eine Autoimmunkrankheit, bei der das
körpereigene Immunsystem, das der Abwehr von Krankheiten dient, auf einen Angreifer (vielleicht auf ein Virus) fehlerhaft reagiert und daher körpereigene Strukturen angreift. Der vermutete
Schutzmechanismus kann eventuell unter bestimmten Umständen diese Reaktion unterdrücken.
Immer noch ist vieles ungeklärt, und verschiedene Untersuchungen bemühen sich um eine weitere Aufklärung
der unterschiedlichen Aspekte. Zum Beispiel bestätigte eine von Drs. Sigrid und Wolfgang Poser (Medizinische Fakultät der Universität Göttingen) an 512 MS-betroffenen Frauen durchgeführte Untersuchungen
die Ergebnisse der Thompson-Studie. Diese Untersuchung ergab zusätzlich, daß es während der sechs Monate nach der Geburt mindestens zweimal so viele Exazerbationen (Verschlechterungen) gegeben hatte, wie
während der Schwangerschaft. (Ärzte bestätigen, daß Exazerbationen während der 6 bis 9 Monate, die der Kindsgeburt folgen, nicht ungewöhnlich sind). Diese Untersuchung ergab aber in bezug auf den
MS-Verlauf auf lange Sicht keinen Unterschied zwischen Frauen, die schwanger gewesen waren, und solchen ohne Schwangerschaft.
Multiple Sklerose
In mehreren retrospektiven
Studien hat sich ergeben, daß die MS während der Schwangerschaft eher günstiger verläuft als zu anderen Zeiten. Im Wochenbett kommt es dann etwas häufiger zu Schüben, die Schubzahl insgesamt während der
Gestationsvorgänge bleibt gleich. Betrachtet man den Einfluß der Schwangerschaft auf die Gesamtprognose, so ließ sich in retrospektiven Studien kein sicherer Einfluß auf die Behinderung durch
Schwangerschaftsvorgänge nachweisen. Zwei neuere Untersuchungen kommen jetzt sogar zu dem Ergebnis, daß die Schwangerschaften während der Erkrankung die Gesamtprognose verbessern. Ein ähnlich positiver
Einfluß wurde von Varner für Patientinnen mit Lupus erythematodes beschrieben. Sollten diese überwiegend prospektiv erhobenen Daten sich im weiteren Verlauf der Studien bestätigen, so müßte sich daraus
sogar die Empfehlung ergeben, Frauen mit MS bei bestehendem Kinderwunsch zu Schwangerschaften zu ermutigen.
Die Forschung macht Fortschritte, und die Fachleute versuchen, das Für und Wider einer
Schwangerschaft bei Multipler Sklerose abzuwägen. Auf alle Fälle reagieren die Ärzte meist optimistisch und bieten ihre Unterstützung an.
Dr. Jack Antel, außerordentlicher Professor der Neurologie
an der Universität von Chicago, sagt folgendes: "Die Familie ist für die meisten Menschen so wichtig, daß ich die Leute trotz vieler entgegenstehender Faktoren zur Familiengründung ermuntere, wenn
ich nach meiner Meinung gefragt werde. Eine Ausnahme mache ich bei Frauen, deren Multiple Sklerose einen sehr aktiven Verlauf zeigt. Dann empfehle ich eine Wartezeit von etwa sechs Monaten, um
abzuwarten, ob der Zustand sich verbessert".
Von den 1200 schwangeren, MS-betroffenen Frauen, die Dr. Burks beobachtete, hatte keine einzige Schwierigkeiten während des Geburtsvorganges durch
die Spastizität oder andere krankheitsbedingte Symptome. Er weist allerdings darauf hin, daß die jungen Frauen in dem Alter, in dem man üblicherweise Kinder bekommt, sich meist in einem frühen Stadium
der Krankheit befinden, in dem die Symptome minimal sind.
In der sogenannten PRIMS-Studie (Pregnancy in Multiple Sclerosis), wurden bisher 269 Schwangerschaften prospektiv bis zu 2 Jahre nach der
Geburt verfolgt. Vorläufige Ergebnisse zeigen, daß die meisten Schwangerschaften völlig komplikationslos verliefen. Von den 240 geborenen Kindern waren 5 Totgeburten und 7 Frühgeburten. 12
Schwangerschaften endeten mit einem Abort. Leider wird auch diese mit großem Aufwand im gesamten europäischen Raum durchgeführte Studie keine Auskunft darüber geben können, ob die Gesamtprognose sich
durch die Schwangerschaft verbessert, da keine Kontrollgruppe untersucht wurde. In jeder derartigen Studie ist ein Selektionsfehler insofern, als sich wahrscheinlich Frauen mit einem günstigeren Verlauf
der MS eher zu einer Schwangerschaft entschließen.
Es liegt nahe, den günstigen Effekt der Schwangerschaft auf bestimmte Autoimmunerkrankungen auch therapeutisch zu nutzen. Da bisher nicht klar
ist, welche der immun-suppressiv wirksamen Substanzen in der Schwangerschaft am wichtigsten sind, ist diese Überlegung bisher eher hypothetischer Natur. Arnason hat kürzlich in einem Vortrag berichtet,
daß sich im Plasma von schwangeren MS-Patientinnen ein Faktor findet, der die Interferon-Gamma-Sekretion hemmt. Er diskutiert, ob hierbei das körpereigene Beta-Interferon eine Rolle spielt. (Arnason
unveröffentlicht 1997).
Ob man Kinder kriegen soll oder nicht, ist für jeden eine wichtige Familienentscheidung, die Multiple Sklerose wirft einfach einige spezielle Fragen auf, die es zu bedenken
gilt.
Eine solche Frage - sie beschäftigt viele Frauen mehr als die eigene mögliche Beeinträchtigung oder Verschlechterung - ist die Frage nach der Erblichkeit: "Wird mein Kind MS
bekommen?"
Obwohl die Krankheit in bestimmten Familien gehäuft auftritt, stimmen Ärzte darin überein, daß es nicht bewiesen ist, daß es sich bei Multipler Sklerose um eine erbliche Krankheit
handelt.
"Ein naher Verwandter eines MS-Betroffenen hat ein 10mal größeres Risiko an Multipler Sklerose zu erkranken als jemand, in dessen Familie die Krankheit nicht vorkommt."
Dr. Burks kommentiert: "Das klingt viel schlimmer als es tatsächlich ist. Selbst in Gebieten mit einem hohen MS-Risiko liegt die Erkrankungsrate bei 0,1 Prozent der Bevölkerung. Das 10fache Risiko
beträgt dann 1 Prozent - das ist für die Ärzte kein ausreichender Grund, um von einer Familiengründung abzuraten."
Frauen mit stärkerer Behinderung haben eine weitere Sorge: "Werde ich
die Geburt durchstehen können?" Dr. Jack Petajan, Professor der Neurologie und Direktor der MS-Klinik an der Universität von Utah, meint dazu, daß für Frauen, "die beispielsweise gehunfähig
sind, deren MS auch das Rückenmark betrifft, deren untere Extremitäten gelähmt sind oder die unter schwerer Spastizität leiden, die Geburt erschwert sein könnte". Wenn vorauszusehen ist, daß die
Symptome den Geburtsvorgang behindern werden, führen die Gynäkologen häufig einen Kaiserschnitt durch.
Wie sieht es mit dem Stillen aus? Bei diesem Thema gehen die Meinungen der Ärzte auseinander.
Einige raten davon ab, das Baby zu stillen, weil sie der Meinung sind, daß die Mutter alle vorhandenen Energien für sich selber braucht, bzw. weil sie das Stillen für eine zu große Anstrengung halten.
Andere hingegen sind derselben Ansicht wie Virginia Lykins, nämlich, daß das Stillen einfacher ist, weil die Vorbereitung der Mahlzeiten und das Sterilisieren der Flaschen fortfällt. Dr. Georg W.
Ellison, Professor für Neurologie an der Universität von Californien in Los Angeles, hält das Stillen "für das Beste, was es gibt" und schreibt ihm einen positiven Effekt auf die Gesundheit des
Babys zu.
Auch wenn es um die fernere Zukunft, z.B. die Versorgung des Kindes, geht, sind die Fachleute sich nicht einig. Gayle Swift behauptet, daß eine MS-betroffene Frau, die sich mit dem
Gedanken an ein Kind trägt, genug über die Schwangerschaft, die Geburt und die Anpassung an das Neugeborene nachzudenken hat, so daß sie sich keine zusätzlichen Sorgen über eine ferne, ungewisse Zukunft
macht, die vielleicht gar nicht die befürchteten Probleme mit sich bringt.
Andererseits sehen Drs. Petajan und Burks weniger Probleme in eventuellen physischen Komplikationen MS-betroffener Frauen
beim Geburtsvorgang als in deren Fähigkeit, die Neugeborenen zu betreuen.
Dr. Petajan sagt zu MS-Betroffenen: "Sie bekommen nicht nur ein Baby - Sie bekommen einen Menschen; und zwar einen
Menschen, für den Sie über etliche Jahre sorgen müssen."
Das Wichtigste ist wohl die Reaktion der Mutter selbst: Virginia Lykins: "Ich weiß, daß ich mich zu bestimmten Zeiten
zurückhalten muß, aber die Motivation war für mich phantastisch und die Belohnungen der Mutterschaft sind unersetzlich. Die Ermutigung, die ich durch die Liebe meiner Kinder erfahre, ist stärker als all
die schlechten Zeiten."
Selbst Jackie French, die einen Rollstuhl benutzt und auf ständige Hilfe angewiesen ist, sagt: "Ich würde es nochmal machen. Wenn meine Kleine morgens mit einem
Lächeln aufwacht, genügt mir das, um den Tag zu überstehen. Für nichts in der Welt würde ich sie hergeben." Robin Frames
Medikamentöse Therapie vor und während der Schwangerschaft
Von einer Schubtherapie mit Kortison im Stadium der Frühschwangerschaft ist abzusehen, während es in den späteren Stadien nicht mehr so kritisch ist.
Primär sollte jedoch versucht werden, den Schub ohne Therapie durch ein vernünftiges Management zu bewältigen.
Während einer Therapie mit einem ß-Interferon sollte eine sichere Verhütung
gewährleistet sein. Falls dennoch eine Schwangerschaft auftritt, kann es sein, daß es zum Abort kommt.
Besteht die Schwangerschaft dennoch fort, sollte die Behandlung mit Interferon beta-1b wie
auch mit allen anderen neueren MS-Therapeutika sofort abgesetzt werden, da bisher eine Fruchtschädigung nicht ausgeschlossen werden konnte.
Allerdings liegen mittlerweile erste Zahlen von Frauen
vor, die aus verschiedenen Gründen über mehrere Schwangerschaftswochen Interferon beta-1b eingenommen und ihre Schwangerschaft ausgetragen haben. Bei den Kindern dieser Patientinnen liegt die
Mißbildungsrate nicht höher als bei gesunden Patientinnen.
Sofern prinzipiell ein Kinderwunsch besteht, sollte die Einnahme entsprechender Substanzen zurückgestellt und erst im Wochenbett
aufgenommen werden. Allerdings müßte dann auf das Stillen verzichtet werden, da beta-Interferon in die Muttermilch übergeht und unbekannt ist, welche Effekte dies bei Neugeborenen auslöst.
Drei Mütter berichten von ihren Erfahrungen
Diana Mnich, 26 Jahre aus Colorado Springs, bekam vor kurzem ihr zweites Kind, Cheryl. Ihr Sohn ist drei Jahre alt. Sie erzählt:
"Mit keiner der beiden Geburten hatte ich irgend welche Probleme. Aber während ich mit Cheryl schwanger war, hatte ich einige Symptome: Ich war etwas unsicher auf den Beinen und hatte zeitweilige
Sensibilitätsstörungen." Ähnliche Symptome hatte Diana an dem Tag nach Christophers Geburt bemerkt. Danach hatte sie einen schweren Schub. Auf alle Fälle ist sie jetzt auf dem Wege der Besserung und
hat keine Symptome. "Mein Gynäkologe riet uns von Kindern ab. Mein erster Neurologe sagte, daß er normalerweise dagegen sei; wenn der Kinderwunsch aber intensiv sei, sollten wir ruhig eine
Familie gründen. Mein zweiter Neurologe sagte nichts Negatives - wir sollten einfach das tun, was wir wollten. Obwohl man uns erklärt hatte, daß die Krankheit nicht automatisch vererbt würde, sondern
daß es nur eine gewisse Neigung zur Multiplen Sklerose in einigen Familien gäbe, berücksichtigten wir die Möglichkeit, daß eines unserer Kinder an MS erkranken könnte. Wir kamen zu dem Schluß, daß ein
Leben mit Multipler Sklerose besser ist als gar kein Leben." Virginia Lykins, 31 Jahre alt aus Albuqerque, N.M., hat drei Kinder: Brandy, 9 Jahre alt und Sean, 7 Jahre alt wurden vor der
Diagnosestellung geboren. Wegen der Multiplen Sklerose und wegen anderer Komplikationen, die unabhängig von der Krankheit auftraten, wurde sie mit einem Kaiserschnitt entbunden. Hinterher trat eine
Exazerbation (Verschlechterung) auf, die das Laufen, das Sehen und das Sprechen beeinträchtigte, aber alle Symptome besserten sich. "Ich habe das sichere Gefühl, daß die Schwangerschaft mir nicht
geschadet hat, weil ich all die Symptome, die während der Schwangerschaft und nach der Geburt auftraten, auch schon erlebt habe, als ich nicht schwanger war. Als Kristin ganz klein war, war es manchmal
schwierig, sie zu versorgen. Meine Arme waren taub, und ich konnte sie nicht gebrauchen, so mußte ich auf der Erde sitzen und Kristin mit meinen Beinen wiegen." Virginia bevorzugte das Stillen,
weil sie es für einfacher hielt, die Flaschen nicht waschen oder sterilisieren zu müssen. "Ich versuche, alle Arbeiten selber zu tun - natürlich mit Hilfe der Kinder. Es ist wirklich gut für mich
gewesen, Kinder zu bekommen. Die Kinder motivieren mich, stärker zu werden. Immer wenn ein Arzt sagte, ich würde nicht mehr sehen können oder ich würde dieses oder jenes nicht mehr tun können, gaben die
Kinder mir die Kraft, es mit Entschlossenheit zu ertragen. Es ist erstaunlich, wie stark die eigene Einstellung den physischen Zustand beeinflussen kann."
Jackie French, 33 Jahre alt aus
Anaheim, Californien, erfuhr ihre Diagnose 1976. Sie agiert vom Rollstuhl oder vom Bett aus und hatte nicht gedacht, daß sie Kinder würde bekommen können. Dann ging sie vor drei Jahren eines Tages zu
ihrem Arzt, nachdem sie sich schon mehrere Monate lang nicht wohl gefühlt hatte. Nach einer Röntgenaufnahme sagte der Arzt ihr mit einem breiten Lächeln, daß sie im 7. Monat schwanger sei. "Zu
dem Zeitpunkt hatte ich nicht zugenommen - tatsächlich hatte ich 17 Pfund (7,7 kg) abgenommen", erinnert sie sich. Dann setzten bei Jackie Blutungen ein und zwei Tage, nachdem sie von ihrer
Schwangerschaft erfahren hatte, wurde ihre Tochter Genna durch einen Kaiserschnitt entbunden. Allgemeine Empfehlungen Aus Interviews mit etlichen Neurologen und anderen Gesundheitsexperten sind einige Empfehlungen hervorgegangen, die für potentielle MS-betroffene
Mütter ausgesprochen werden: Es ist ratsam, das Problem mit den Ärzten, besonders mit dem Neurologen, zu besprechen. Es gibt allerdings wenige absolut richtige oder falsche Verhaltensweisen. Die
endgültige Entscheidung müssen Sie mit Ihrem Mann treffen. Niemand kann mit Sicherheit wissen, wie sich Ihr Zustand über einen längeren Zeitraum verändert. Sie sollten sich für oder gegen Kinder
entscheiden in dem Bewußtsein, daß sich Ihre Symptome, zumindest bis zu einem gewissen Grad, verschlechtern können. Wie gut Sie eine Familie unter diesen Umständen versorgen können, hängt davon ab, wie
belastbar Sie sind und davon, wieviel Unterstützung Sie von der Familie und den Freunden erwarten können. Da es keine Garantien gibt, kann man vielleicht aus der Vergangenheit etwas für die Zukunft
lernen. Gayle Swift, Hilfsdienstkoordinatorin des Orange Country Landesverbandes der Gesellschaft, schätzt, daß man bei vielen MS-Fällen nach 5 Jahren die Verlaufsform beurteilen kann. Sie ist selbst
MS-Betroffene. Bevor Sie eine Entscheidung treffen, sollten Sie mit anderen MS-betroffenen Frauen reden, die Kinder haben. Wenden Sie sich an Menschen, deren MS-Verlauf dem Ihren gleicht und die mit
Schwierigkeiten ähnlich umgehen wie Sie. Dr. Ellison rät dazu, möglichst auf Betäubungen während der Wehen und der Geburt zu verzichten. Das gilt besonders für die Rückenmarksanästhesie. Er erklärt,
daß diese Anästhesieform mit MS-Schüben in Verbindung gebracht wird. Bedenken Sie, daß eine Familie auch unter den besten Umständen viel Energie kostet. Sorgen Sie für eine Haushaltshilfe wenigstens
für einige Wochen, nachdem Sie mit dem Baby nach Hause kommen. Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand zur Bestimmung Ihres Arbeitstempos. Die Häufung der Exazerbation in der Zeit nach der Geburt
könnte, wie es einige Untersuchungen nahelegen, durch eine hormonelle Änderung bedingt sein, oder sie werden einfach durch die verstärkte Müdigkeit und den erhöhten Stress ausgelöst.
aus: "Inside", Zeitschrift der amerikanischen MS-Gesellschaft.
Stellungnahme von Prof. Dr. Sigrid Poser, Universität Göttingen Eine Untersuchung an 512 Frauen hat gezeigt, daß Schwangerschaften auf lange Sicht keinen ungünstigen Einfluß auf die Krankheit hatten. Zwar traten in
der Wochenbettperiode häufiger Verschlechterungen auf im Vergleich zu "normalen" Zeiten. Mehrere Jahre später waren Frauen mit Kindern jedoch nicht stärker behindert als Frauen ohne Kinder.
Ob sich eine Frau mit MS zu einer Schwangerschaft entschließen soll, ist eine Frage, die sehr individuell beantwortet werden muß. Neben der eventuell bestehenden Behinderung spielen viele andere
Faktoren, wie z.B. Belastung durch Beruf, Haushalt und schon vorhandene Kinder, eine Rolle, die im Einzelfall überlegt und mit allen Beteiligten durchgesprochen werden sollten. Schwangerschaft, Geburt
und Wochenbett verlaufen von der geburtshilflich-gynäkologischen Seite her bei Patientinnen mit MS normal. In der Tabelle ist ein Vergleich zwischen Schwangerschaft vor und nach Krankheitsausbruch
dargestellt, der auch in der oben genannten Untersuchung gezogen wurde. Verständlicherweise ist die Zahl der Kinder während der Erkrankung kleiner, das hängt jedoch auch mit dem Lebensalter zusammen. Das
mittlere Erkrankungsalter liegt bei der MS bei etwa 30 Jahren, so daß auch normalerweise die Zahl der Kinder für diesen Lebensabschnitt kleiner wird. Während der Erkrankung wurden nicht wesentlich mehr
geschädigte Kinder geboren, so daß bestätigt werden konnte, daß sich die MS nicht ungünstig auf das Kind auswirkt. Die Zahl der Fehl- und Totgeburten und Schwangerschaftsabbrüche war während der
Erkrankung wesentlich höher. Dies war jedoch ausschließlich auf die 25 Schwangerschaftsabbrüche zurückzuführen, die bei den 110 Patientinnen während der Krankheit durchgeführt wurden.
Durch eine
bessere Konzeptionsberatung sollte unbedingt vermieden werden, daß derartig viele Schwangerschaftsunterbrechungen notwendig sind. Im allgemeinen besteht nämlich keine medizinische Indikation im
eigentlichen Sinne, d. h., die Mutter ist durch die Schwangerschaft nicht unmittelbar gefährdet. Viel häufiger machen psycho-soziale Faktoren oder eine Medikamenteneinnahme in der Frühschwangerschaft
einen Eingriff erforderlich. Da auch Schwangerschaftsunterbrechungen Verschlechterungen der MS und neue Schübe auslösen können, fällt die Entscheidung im Einzelfall schwer. Sie sollte gemeinsam vom
Ehepaar mit dem Neurologen und Frauenarzt gefällt werden.
Frauen stillen ihre Kinder, die sie während der Erkrankung geboren hatten, seltener im Vergleich zu den Kindern, die vor
Krankheitsausbruch geboren wurden. Dies lag allerdings nicht an einer mangelnden Milchproduktion oder anderen krankheitsbedingten Veränderungen, sondern geschah meist auf Anraten der Ärzte. Aus Angst,
daß sich die Frau im Wochenbett überanstrengt und dadurch evtl. ein Schub ausgelöst werden könnte, wird häufig vom Stillen abgeraten. Wenn jedoch für ausreichend Schlaf und Hilfe bei anderen
Verpflichtungen gesorgt ist, besteht kein Grund, motivierten Patientinnen vom Stillen abzuraten.
Bei Unterstützung der Mütter scheinen nach unseren Untersuchungen noch erhebliche Lücken zu
bestehen: Etwa ein Drittel der Frauen gab an, daß sie bei der Versorgung ihres neugeborenen Kindes nicht genügend Hilfe gehabt haben. Daraus muß die Forderung abgeleitet werden, daß Frauen mit MS nicht
nur während der Schwangerschaft sorgfältig betreut, sondern auch nach der Entbindung tatkräftig unterstützt werden müssen. Vielleicht läßt sich dann ein Teil der Verschlechterungen und Schübe in der
Wochenbettperiode vermeiden.
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